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Kollegen im Fokus: Das Interview mit Doris Styron, der Übersetzerin des Psychothrillers „Eiszeit“

Dez 25, 14 • Kollegen im FokusNo CommentsRead More »
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Übersetzer agieren hinter den Kulissen und machen fremdsprachige Bücher einem größeren Publikum zugänglich.  Ohne sie wäre der Literaturbetrieb um eine wichtige Attraktion ärmer. Doris Styron, die McDermid-Übersetzerin, deren Arbeit wohl schon so mancher Leser in den Händen hielt, ist eine vielgelesene Vertreterin ihres Faches. Grund genug für uns genauer hinzuschauen und ein Interview mit ihr zu machen.

Über das Buch „Eiszeit“

Ein Unbekannter bringt Frauen um, die alle eine verblüffende Ähnlichkeit mit Detective Chief Inspector Carol Jordan haben. Eigentlich ein perfekter Fall für sie und ihren Kollegen, den Profiler Tony Hill, doch Carol hat gerade ihren Job hingeschmissen. Der brutale Mord an ihrem Bruder und dessen Frau hat sie in eine Krise gestürzt. Sie wirft Tony vor, diese Bluttat nicht vorhergesehen zu haben, und will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Als der Verdacht schließlich sogar auf Tony fällt, beginnen die Ereignisse sich zu überschlagen …

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Das Interview mit Doris Styron

Foto: Doris Styron

Foto: Doris Styron

krimi-tick.de: Wie und wann entstand bei Ihnen die Idee die Übersetzung von “Eiszeit” von Val McDermid zu machen?

Doris Styron: Der erste Roman von Val McDermid, den ich übersetzte, war Ein Ort für die Ewigkeit, der 2000 herauskam. Das Manuskript hatte ich vorher für den Verlag gelesen und beurteilt und war begeistert. Auch im Verlag fand man den Plot sehr spannend, und ich freute mich sehr, dass ich es dann übersetzen durfte. Auf die Art und Weise wurde ich zur McDermid-Übersetzerin. Carol Jordan und Tony Hill sind inzwischen fast zu alten Bekannten geworden. Eiszeit, bzw. das MS von Cross and Burn bekam ich im August 2013.

krimi-tick.de: Wie kommen Sie dazu als Übersetzerin hinter den Kulissen zu arbeiten?

Doris Styron: Schon seit der Schulzeit hatte ich große Lust, Übersetzerin zu werden und studierte Germanistik, Romanistik, später Anglistik. Die Wechselfälle des Lebens ließen mich leider längere Zeit nicht dazu kommen, beruflich arbeitete ich als Sprachlehrerin (Englisch und Deutsch als Fremdsprache für Erwachsene). Ich kontaktierte aber dann sehr viele Verlage und bekam schließlich den Auftrag, Gutachten zu englischsprachigen Romanen zu schreiben. Eine ziemlich brotlose, aber sehr interessante Arbeit, aus der sich schließlich die Übersetzertätigkeit entwickelte. Eine Firma, bei der ich einige Englischkurse unterrichtete, beschloss plötzlich zu sparen, und alle meine Kurse wurden kurzfristig gestrichen. Das gab mir genug Zeit, nun Sprachunterricht und Übersetzen zeitlich unter einen Hut zu bringen. Natürlich war es bestimmt auch von Vorteil, dass ich fast 9 Jahre in den USA gelebt hatte.

krimi-tick.de: Wie ist Ihre Vorgehensweise, wenn Sie eine Übersetzung neu in Ihr Programm aufnehmen?

Doris Styron: Wenn ich ein neues Manuskript bekomme, lese ich es immer zuerst gründlich durch und markiere mir manchmal eventuell schwierige Stellen. Dann muss ich feststellen, wieviel Zeit ich bis zur Abgabe habe und mir den Text in Happen für jeden Tag einteilen. Wenn ich mein Pensum für den Tag vorläufig zufriedenstellend übersetzt habe, lese ich es am nächsten Morgen (mit frischem Kopf) und da gibt es immer schon einiges zu verbessern. Danach folgen in verschiedenen Abständen weitere Durchsichten, bei denen immer noch gefeilt und poliert wird.

krimi-tick.de: Wie sieht Ihr persönlicher Tagesablauf als Übersetzerin aus?

Doris Styron: Ich versuche, am Vormittag einiges zu schaffen, weil es da am besten von der Hand geht. Dann kommt erst mal der normale Tagesablauf. Oft arbeite ich auch spät abends. Dazu kommt immer einiges an Recherche, die man irgendwann dazwischen erledigt. Oft kommen ja z.B. kriminalistische oder technische, kulinarische, medizinische oder polizeiliche Details vor, von denen man zunächst keine Ahnung hat. Heutzutage ist die Recherche natürlich schon viel leichter geworden, weil sich nahezu alles im Internet finden lässt. Aber in meiner Anfangszeit als Übersetzerin hatte ich immer lange Listen von Fragen für Spezialisten – Muttersprachler, Experten für Schließanlagen und Schlösser, Waffen, Medizin, auch der Pressesprecher der Polizei hier etc.

krimi-tick.de: Welche Übersetzungen würden Sie gerne einmal machen und warum?

Doris Styron: Eigentlich interessieren mich am meisten Themen, bei denen man etwas von den Menschen einer bestimmten Zeit, sozialen Schicht oder überhaupt der Gesellschaft erfährt. Ich bin daher manchmal nicht so begeistert, wenn es brutal wird, wie es bei McDermid öfter der Fall war, (z. B. in Erfinder des Todes). Aber die Frage, was man gern übersetzt, stellt sich eigentlich recht wenig, man bekommt einen Auftrag, und dann geht’s los. An Val McDermids Büchern finde ich gut, wie sie den Leser durch unterhaltsame, lockere Dialoge auf dem Laufenden hält, sie braucht nie langatmige Erklärungen oder Zusammenfassungen. Und auch ihre Einsicht und ihr Einfühlungsvermögen in die psychischen Labyrinthe recht eigenartiger Menschen als auch ihre Schilderungen ganz banaler alltäglicher Erfahrungen sind sehr beeindruckend. Auch ist ihr Stil immer klar und verständlich. Gern übersetzen würde ich auch einmal z.B. etwas von John Irving, etwa Last Night in Twisted River, oder von Paul Harding, Tinkers. Beide beschreiben eine ganz eigene Welt, sind aber schon übersetzt.

krimi-tick.de: Was lesen Sie gerade?

Doris Styron: Zur Zeit lese ich die Tagebücher von Victor Klemperer, einem Universitätsprofessor, der als Dresdener Jude, in Mischehe lebend, die ganze schreckliche Zeit von 1933 bis zum Zusammenbruch 1945 mit- und überlebte und in Tagebuchaufzeichnungen festgehalten hat. Ich wollte das schon seit vielen Jahren lesen, ohne mich daran zu wagen. Als nächstes möchte ich Die Pfaueninsel von Thomas Hettche lesen. Sonst lese ich auch oft englische oder amerikanische Autoren im Original, dann wieder einschlägige Sachbücher über Kriminalistik.

krimi-tick.de: Gibt es etwas, was Ihnen schwer fällt zu übersetzen, oder was bei Ihnen überhaupt gar keine Chance hätte es von Ihnen übersetzt zu werden?

Doris Styron: Wenn es um wirklich eindeutig und nur sadistische Texte ginge, würde ich mich damit nicht beschweren wollen. Auch z. B. rassistische oder radikal-gewalttätige Sachen, die solche Haltungen verherrlichen, würde ich nicht übersetzen wollen, das ärgert mich zu sehr. Stilistisch würde ich ungern einen Text übersetzen, der schon im Original unklar und verquast ist. Auch einen Text, der z.B. reine Jugendsprache wäre, würde ich nicht übersetzen, einfach weil es Jüngere gibt, die da näher dran sind und es besser machen würden.

Autor: cm | krimi-tick.de

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